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Fājìn (Fajing) 发劲, ein unsichtbarer Motor?

American Kenpo Karate Blog

In diesem Artikel möchte ich nur wenige Ausführungen machen, da das Thema sehr umfangreich ist.

Für Interessenten stehen die Türen jederzeit für den Besuch meiner Seminare offen.

Bei wissenschaftlichem Interesse kann ebenfalls weitere Unterstützung gegeben werden.

 

Was ist Fajin?

 

 

 

„fa“ bedeutet soviel wie: starten, schießen, initiieren, ausdrücken, abfeuern, auslösen ... und „jing“ steht für: Kraft.

 

"Fājìn ist Biomechanik mit effizienter Körperkoordination

und explosiver Beschleunigung."

 

fājìn wird meist als freigesetzte/ genutzte innere Energie (Qi) bezeichnet. Im Internet findet man nicht viel, oder nur Andeutungen darüber, viele heben das fājìn eher auf eine mentale Ebene und mystifizieren es. Fājìn zu verstehen und zu benutzen ist nichts geheimnisvolles, bedarf aber eines gewissen Weges und an gewisser Erfahrung, um damit arbeiten zu können. Man kann sich dem fājìn über den Weg Erfahrung/ Probieren oder Erfahrung/Kenntnisse der Anatomie nähern. Am besten findet man natürlich den Zugang über einen Lehrer. Man erwarte aber nicht, nach einem Seminar mit fajin nach Hause zu gehen.

 

Der wohl bekannteste „fājìn -Anwender“ war Bruce Lee, der dieses aber nie so bezeichnete (siehe seinen berühmten Inch-Punch). Damals wirkte dieser Punch für die Betrachter wie ein Wunder. Niemand verstand, woher Bruce diese große Kraft auf kurzem Weg nahm. Bis dahin kannte die Kampfkunst meist nur die Methode „langer Weg = viel Power“, also das Erzeugen von Energie nach einfachsten physikalischen Gesetzen. Siehe z.B. die Ausführung eines Fauststoßes der japanischen Kampfkünste. Hier startet die Faust meist von der Hüfte. Das mag für die Grundschule eine gute Übungsform sein, ist jedoch für die reale Anwendung uneffektiv und erfüllt auch keinerlei Körperschutzfunktionen.

(Ausführungen hierzu in unseren Seminaren.)

japanische Fausttechnik

Vor-/ Nachteile

fajin Technik

Starten der Technik von der Hüfte

Zeitverlust

Körperschutzfunktion

 

Starten der Technik von beliebigen Orten (recognition the position)

Synchrones Starten aller erforderlichen Körperteile

Ankündigung einer Bewegung

Starten der Bewegung vom Bewegungsursprung ausgehend als Kettenreaktion

 

 

Voraussetzung für fājìn ist u.a. ein fester Stand und ein lockerer Körper. Verspannte Muskeln sind meist das erste Hindernis für schnelle, lockere Bewegungen. Eine bestimmte Art von Muskelkontraktion löst eine Stoßwelle aus, die sich über die Gelenke des Körpers fortsetzt bis zum Ziel. Hier liegt auch die Gefahr der eigenen Gelenk- und Muskelverletzung bei falscher Ausführung, da hier große Kräfte wirken. Manchmal kann man lesen, dass fajin ohne Muskelkraft ausgeführt wird- wie soll das gehen? Die Muskelkraft wird sehr wohl zur und in der richtigen Zeit in der richtigen Dosierung eingesetzt. Es sind viele Komponenten während einer fajin – Bewegung, die den Körper wie ein präzises Uhrwerk arbeiten lassen. Eine kleine Unstimmigkeit und es entstehen Kraftverluste.

 

Entstehung der Kraft

 

Physikalisch betrachtet, ohne an dieser Stelle näher darauf ein zu gehen, sind für uns folgende Gleichungen interessant:

 

E = ½*m*v² (Kinetische Energie)

p = m*v (Impuls)

 

Diese sagen uns, wenn Masse und Geschwindigkeit gegeben sind, steht neben der kinetischen Energie auch der Impuls fest. Interessant ist hier, dass eine Verdoppelung der Geschwindigkeit eine Vervierfachung und eine Verdoppelung der Masse nur eine Verdoppelung der Schlagkraft bewirkt.

 

Das Prinzip des fajin besteht im wesentlichen aus der effektiven Zusammenarbeit von Muskelketten. Das ist erst mal nichts besonderes. Muskelketten arbeiten in unserem Körper auch im alltäglichen Leben. Beim Heben eines schweren Gegenstandes z.B. soll man in die Knie gehen, anstatt die Wirbelsäule zu krümmen. Hier erzeugt die meiste Hebekraft nicht „der Rücken“, sondern die Streckung der Beine.

 

Das Besondere beim fajin ist, dass die Muskelkette ihre Energie impulsartig, durch ein bestimmtes Zusammenwirken der beteiligten Muskeln, zum Ziel befördern.

In obiger Abbildung liegen 4 Muskeln in einer Muskelkette (also hintereinander geschaltet). Die Summe der Einzelgeschwindigkeiten der Muskeln ergeben eine Gesamtgeschwindigkeit, dass heißt, sie addieren sich. Die Bewegung beginnt bei Muskel 1, der für Muskel 2 schon eine Anfangsgeschwindigkeit vorgibt. Diese wird von diesem schon übernommen und durch eigene Energie noch verstärkt usw. bis Muskel 4, also der Endpunkt, erreicht ist.

 

Beim fajin wirken natürlich wesentlich mehr Muskelgruppen, theoretisch beginnend ab Kontaktfläche mit dem festen Untergrund, also den Fußsohlen, bis hin zur Kontaktfläche mit dem Ziel. Der Unterschied zu einer „alltäglich“ arbeiteten Muskelkette liegt darin, dass sie im Augenblick des auftreffens nicht komplett angespannt sein muss. Es reicht aus, wenn das Ende der Kette steht, um die erzeugte Kraft möglichst ohne Verluste zu übertragen und sich nicht zu verletzen.

 

Wenn sich die Geschwindigkeiten aus obigem Beispiel addieren, so kann die zu erzeugende Kraft durch den schwächsten Muskel in der Kette abgeschwächt werden. Das bedeutet, dass man fajin durch gezieltes Training verbessern kann, indem man sich um die schwächsten Glieder in der Kette kümmert. Des Weiteren ist die intermuskuläre Koordination eines der wichtigsten Kriterien für die effektive Ausführung und Ökonomie des fajin, nicht zuletzt das Zusammenspiel von agonistischen und antagonistischen Muskeln.

Der Bezug zum American Kenpo

 

In American Kenpo beschreibt man damit oft:

  • kurze, explosive Schlagkraft
  • Kraft aus dem ganzen Körper statt nur aus dem Arm
  • schnelles „Snap“-Timing
  • koordinierte Hüft-, Bein- und Schulterbewegung
  • Entspannung → Explosion → sofortige Entspannung

Das passt sehr gut zu den Prinzipien von:

  • „Marriage of Gravity“
  • „Backup Mass“
  • „Torque“
  • „Economy of Motion“

die in American Kenpo wichtig sind.

Praktisch sieht Fajin in Kenpo oft so aus:

  • ein kurzer explosiver Backknuckle
  • ein schneller Vertical Punch mit Körperrotation
  • Power aus dem Boden über die Hüfte
  • keine große Ausholbewegung

Die Idee ist:

maximale Wirkung auf minimaler Distanz.

Moderne, fortschrittliche Kenpo-Lehrer nutzen den Begriff zwar nicht offiziell, aber die Mechanik steckt in gutem Kenpo definitiv drin.

 

Die Zusammenfassung

es geht um:

  • koordinierte Ganzkörperbewegung,
  • schnelle Kraftübertragung vom Boden durch den Körper,
  • Timing,
  • Entspannung vor der Explosion der Bewegung.

mit den Merkmalen:

  • sehr kurze Bewegungen,
  • entspannter Körper bis zum Moment der Kraftabgabe,
  • Nutzung von Hüfte, Beinen und Körperstruktur,
  • „Peitschen“-ähnliche Energieübertragung.